Freitag, 7. April 2017

Editorial 119

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum übernimmt ein Neuer das Ruder, schon ändert sich alles: Logo, Name, Inhalt, Layout, Struktur. Und die Leserinnen und Leser müssen sich anpassen. Was für'n Chaos! Ist alles Neue wirklich besser? Und wer nicht mit will, wendet sich eben ab. Auf den World Wide Wiesen wechseln ganze Herden ganz schnell. Und tschüss … Schon findet sich eine neue Herde. Vielleicht auch eine neue Wiese, von der keiner verwiesen oder weggebissen wird. Auf manchen Wiesen geht es mir sogar als altgedientem Hengst viel zu rüde zu.

Überall erscheint in letzter Zeit Neues. Bei den Verlagen sind das vorzugsweise Exit-Spiele. Spiele, die man genau ein Mal spielen kann, genau einmal bis ins Letzte ergründen muss. Und oh Wunder, Spielprinzip und Vermarktung funktioniert. Exit-Spiele haben ihren ganz eigenen Reiz, wenn man denn alle Rätselhürden nimmt. Andernorts nimmt die Vielfalt zu. Mit viel Elan starten immer neue Blogs, teils interessant, teils recht traditionell. Manche verschwinden früher oder später, manche werden sich halten. Für jeden ist da ein Plätzchen, keine Wiese zwar, eher der Reihenhausvorgartenrasenspielplatz.

Fühlen Sie sich auf unserer Wiese wohl? Wir machen unsere Zeitung eigentlich wie immer. Seit 1987 geht es seinen Gang. Kennen Sie eigentlich unser Geheimnis: Die Knechte machen hier doch alle was sie wollen. Dass dabei noch jedes Mal ein Ergebnis herauskommt, genug Futter für alle abfällt, liegt sicher auch an der großen Freiheit. Für jeden gibt's da ein Plätzchen auf meiner Wiese und für alle eine Stelle, von der wir niemals fressen. Das ist auf jeder Pferdewiese so. Da wächst in einem Bereich das Gras und Unkraut doch deutlich höher, weil da die ganze Herde hinstrullt.

Eine andere Herde wird auch immer größer. Was hat Asmodee in letzter Zeit nicht alles zugekauft. Der größte Coup auf unserer hiesigen Wiese ist, dass auch Heidelberger zu deren Herde gehört. Das war abzusehen, nachdem Fantasy Flight Games bereits an Asmodee gegangen und damit Heidelberger als Fantasy Flights Vertriebspartner überflüssig geworden ist. Ob's noch weiter geht? … mit der Konzentration? International ist da sicher noch was für Asmodee drin.

Nach den vielen Todesfällen im letzten Jahr ist kurz vor Jahresende ein weiteres Urgestein verstorben. Hajo Bücken ist Ende 2016 gestorben. Gerade in den Anfangsjahren der Szene war Hajo Bücken mit seiner „Arbeitsstelle für neues Spielen“ präsent, als kooperative Spiele unter Pädagogen gerade hoch im Kurs standen und es Herder Spiele noch gab. Für meine Knechte war Hajo Bücken damals eher ein Exot, denn kooperative Spiele waren noch gar nix für echte Spieler. Ich erinnere mich an schräge Partien DIKTATOR und PALAVER, mehr Streit als Harmonie. Und aus Hajo Bückens Würfelspiel KETTEN WETTEN wurde bei Ravensburger das gute AUSBRECHER AG.

Und bei Drucklegung erreichte uns noch eine traurige Nachricht. Mit Ferdinand de Cassan ist ein echter Wegbereiter gestorben. In Österreich hat er Maßgebliches bewirkt und nicht nur dort viele Spuren hinterlassen.

Auf meiner Wiese stellt sich die Frage: Wie geht es ohne Herbert Heller weiter? Meine Knechte haben sich bei Kälte, Eis und Schnee extra deshalb getroffen. Mit dabei: die schottischen Hochlandrinder Birte und Berta. Als würde ich das konspirative Redaktionstreffen nicht mitbekommen. Birte und Berta sind natürlich über das weltweite Wiesennetz mit mir vernetzt. Ich weiß jetzt alles: Von der Lauben-Alpen-Skihütte nur ohne Ski, aber mit Filzpantoffeln. Vom organischen Wachstum der Hütte, erbaut aus Nix, aber mit ganz viel Liebe zum Detail. Erst fiel der Strom aus, am nächsten Morgen sämtliche Wasserversorgung und abends auch noch die sehr individuelle Beheizung des Stalls. Und wenn die Indoor-Gasbrenner liefen, war es unten eiskalt und oben Sauna. Ideal für einen Stall, nur dass ich unter meinen Hufen noch wärmenden Mist habe. Ist trotzdem gut gewesen. Das Treffen, nicht die Unterkunft.

Kathrin Nos ist jetzt Chefin vom Dienst und Wolfgang Friebe ist Chefredakteur. Also, alles beim Alten, es ändert sich nix, aus Raider wurde auch nie Twixt. Jedenfalls nicht solange ich hier das Regiment führe. Nur die Adresse der Redaktion ist neu.

Ihr einzig wahrer Hengst auf den World weiten Wiesen

Harry

Kasten

Neu Redaktionsadresse: Wolfgang Friebe, Münnichweg 73b, 48167 Münster


Donnerstag, 30. März 2017

Fairplay 119 - April bis Juni 2017

Reportagen und Berichte
  • Nürnber 2017 Messerundgang
  • Schein oder heilig? Luther und Ablasshandel
  • Peter Janshoff
  • Fluchtzimmer Escape- und Exitspiele
Kritiken
  • Ein Fest für Odin
  • Flick ‘em up
  • Räuber der Nordsee
  • Kingdomino vs NMBR9
  • Das Orakel von Delphi
  • Icecool
  • Word Slam
  • Die Kolonisten
  • Rhodes
  • First Class
  • Skyway Robbery
  • Jolly & Roger
  • Yangtze
Interviews
  • Kullerhexe: Hexe und Waldwichtel über Kullerhexe
Rubriken
  • Editorial
  • Inhaltsverzeichnis
  • Rückblick
  • Fairplay 40
  • First Food: Clubs, Mein Traumhaus, Saboteur - Das Duell, The Walking Pet, Caramba, Twenty One, Deja Vu, Pungi, Crazy Race
  • Fast Food: Carcassonne Amazonas, Mino & Tauri
  • Nachschlag: 7 Wonders Duel - Pantheon
  • Kinderportion: Fette Ernte
  • à la carte - Spezial: Im Schatten des Throns, Gämsh Alpin
  • à la carte: Tembo, Tenno, Tempel des Schreckens, Pairs, Arrass, Speemo, Turn A Round
  • Wir spielen gern ...
  • Preisrätsel: Schach für Solisten
  • Bestenliste
  • Noten

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Editorial 118

Liebe Leserinnen und Leser,

Ach, jetzt ein Edi zu schreiben, fällt mir schwer. Vielleicht haben Sie es ja schon mitbekommen: In der Woche nach Essen ist unser Chef Herbert Heller nach langem Krebsleiden verstorben. Das reißt schon eine tiefe Lücke in unser Team, auch wenn Herbert schon geraume Zeit keine Rezension oder Kommentare mehr beigesteuert hat und nur noch selten, schließlich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen ist. Herbert war und bleibt immer die gute Seele der Redaktion. Seine Ratschläge werden fehlen. Irgendwie ist dieses Jahr ziemlich verkorkst. So viele Todesfälle, das lässt selbst ein altes Schlachtross wie mich nicht unberührt. Einige alte und jüngere Weggefährten haben für Herbert Nachrufe geschrieben. Diese Anteilnahme ist gut, macht aber den Verlust nur umso deutlicher. Außerdem sind jetzt einige Entscheidungen zu treffen, wie es weitergehen soll.

Und natürlich geht und ging es weiter. Die Messe in Essen war wie immer business as usual. Routinierte Vorbereitungen, routinierter Standaufbau … alles so wie immer. Nur dass Essen diesmal noch größer, noch bunter und auch noch voller wurde. Ich dachte schon am Donnerstag, es sei Samstag. Kaum mehr ein Durchkommen, besonders natürlich in den Hallen 1, 2 und 3. Aber die Hallen 4, 6 und 7 waren gut gefüllt. Ich bin da jeden Gang abgelaufen. So viele neue Spiele habe ich mein Lebtag noch nicht zu sehen bekommen. Liegt es an mir oder an der schieren Masse an Spielen, dass ich in der nächsten Standreihe schon längst vergessen habe, welche Spiele, welche Verlage ich in der vorherigen Reihe gesehen habe. Alles sah irgendwie gleich aus, kaum mehr Unterschiede in der optischen Präsentation, alles so perfekt.

Gerade in den Hallen hinter der Galeria war es sehr international. Gerade die Stände dort wurden von Spielern aus aller Herren Länder besucht. Für viele Nationalitäten waren diese Hallen quasi eine Landesmesse in der großen Messe, ganz ohne Sprachbarriere. Mir erscheint es seit dem Wechsel in die neuen Hallen so, als wenn sich die Internationalen Spieletage immer mehr fragmentierten. Je nach Nationalität oder nach spielerischen Vorlieben findet sich für jeden seine mehr oder minder große oder kleine Auswahl an passenden Verlagen in bestimmten Hallen.

Dass unserer Scout-Aktion bei etlichen kleinen aber auch größeren ausländischen Verlagen immer noch gänzlich unbekannt ist, wundert mich … dann doch fast kein bisschen. Kennen diese Verlage die deutsche Spieleszene und unser Magazin gar nicht? Müssen wir dort mehr PR machen? Könnten das nicht auch unsere Scouts erledigen? Mit speziellen Kappen: Ich bin ein Fairplay-Scout! Yeah!!! Die deutsche Szene macht nur noch einen Teil der Messe aus. Fraglich, ob das noch der größere oder schon der kleinere Teil ist. Ich meine hier nur die Szene, nicht das Familienspielerpublikum von Samstag oder Sonntag. Und so richtig vermischen sich die Nationalitäten nur an einzelnen Ständen, ansonsten gibt’s Lokalisierungen für aller Herren Länder. Die Auflage wird von vornherein mit Beteiligung von internationalen Verlagen geplant. Warum sollte also noch ein Engländer oder Amerikaner zu Hans im Glück gehen, wenn deren Spiele zeitgleich bei ihren einheimischen Verlagen erscheinen?

Und da habe ich das Edi endlich im Kasten, da erreicht mich noch eine Todesnachricht. Was ist das nur für ein Jahr! Jetzt ist auch noch Reiner Müller gestorben, einer der Wegbereiter der deutschen Spieleszene. Er hat ganz entscheidende Weichen gestellt, die unsere Spielkultur maßgeblich in die richtige Richtung gelenkt haben. Bei Ass hat er schon vor Jahrzehnten erste Lokalisierungen vorgenommen und amerikanische Spiele wie JUNTA nach Deutschland geholt. Reiner Müller war in den ersten Jahren der Spielbox deren Chefredakteur und hat mit TM bei Kosmos DIE SIEDLER VON CATAN betreut. Mehr ist gar nicht zu sagen, um den Verlust zu beschreiben.

Trotzdem frohe und besinnliche Weihnachtstage, viele Spiele, wenig Essen!

Ihr Harry

Montag, 12. Dezember 2016

Fairplay 118 - Januar bis März 2017

Reportagen und Berichte
  • Nachruf Herbert Heller
  • Messefondue mit First Food
    Scoutkommentar 2016
    Fairplay Scoutnoten 2016
    À la Carte 2016: 7 Wonders Duel - mit Autoren
  • Deutscher Spielepreis 2016
  • Mombasa - auch mit Autoren
Kritiken
  • Great Western Trail
  • Fabelsaft
  • Star Wars Rebellion
  • Terraforming Mars
  • Kanagawa
  • Perditions Mouth
  • Cottage Garden
  • Viticulture
  • Flamme Rouge
Interviews
  • Messeblickwinkel: Tony Boydell, Petra, Christian Hildenbrand, Steph & Ron, Morten Monrad Pedersen, Gabi
Rubriken
  • Editorial
  • Inhaltsverzeichnis
  • First Food: First Class, Papa Paolo, Ein Fest für Odin, Railroad Revolution, Scythe, Die Kolonisten, Ulm, Klask, Codenames Pictures, Kingdomino, Mystic Vale, Weltausstellung 1893, Rhodes
  • Fast Food: Das allerbeste Baumhaus, Costa Rica, Acht-Minuten-Imperium Legenden
  • Rückblick Fairplay 39
  • Kinderportion: Der mysteriöse Wald, Hi Fisch!
  • à la carte: Fladeranti, Sleeping Queens, Perlentaucher, Take That, Brave Rats, Dolores
     Wir spielen gern ...
  • Preisrätsel: Grenzenlos
  • Bestenliste
  • Noten

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Unser Chef ist tot

Nicht, dass Herbert es jemals groß heraushängen ließ, aber für uns Fairplayer war er unser Chef. Er war es einfach. Noch in jeder Redaktionsdiskussion sorgte Herbert für Ausgleich, inhaltlich und menschlich. Jeder kam zu seinem Recht, jede Position wurde erwogen und für alle das Beste erreicht. Mit seiner Menschlichkeit und seinem spielerischen Sachverstand stand Herbert immer auf festem Grund, selbst an spielerischen Abgründen. Mit ihm zusammen umschifften wir so manche Klippe.

Souverän trennte Herbert die Spreu vom Weizen. Nur gute Spiele verdienen eine positive Rezension. Schlechte Spiele verdienen es ebenso, mit klaren Worten und guten Gründen sorgfältig zerlegt zu werden. Herbert konnte diese Art Rezensionen schreiben wie kein Zweiter. Auch kleine, feine Hammer haben an den richtigen Stellen ordentlich Kraft. Und wenn es ein grober Hammer sein musste, dann hat er auch grob gearbeitet, nicht ohne ironisches Augenzwinkern.

Ich würde Herbert als undogmatischen Spieler bezeichnen, der mit jeder Art religiöser Verehrung von Spielen nichts anfangen konnte. Spiele sind keine Heiligtümer. Ob Spiele ein Kulturgut sind, habe ich mit ihm nie klären können. Das war Herbert alles zu hoch aufgehängt. Spielen war für ihn Spaß und intellektuelle Herausforderung. Sieg oder Niederlage waren für Herbert trotzdem auch das Ergebnis von Glück, nicht von geistiger Überlegenheit.

Jedes Spiel bekam bei ihm eine Chance. Ganz besonders liebte Herbert Eisenbahn- und Rennspiele. Da war er mit besonderem Einsatz, aber nie mit Übereifer dabei, spielte souverän aus dem Bauch … und gewann natürlich. Naja … sehr oft. Herbert liebte die fluffigen, eleganten Spiele, die genügend Flow aus Thema und Mechanik erzeugten. Gleisbau, Eisenbahngesellschaften und deren Aktienkapital waren sein Metier, da spielte Herbert uns alle in Grund und Boden. Und trotzdem war immer eine menschliche Atmosphäre rund um den Spieltisch. Nie hat er nachgekartet oder Züge rückgängig machen wollen.

Für uns war Herbert richtungsweisend, ein verlässlicher wie menschlicher Ratgeber und immer ein Vorbild als Rezensent. Wir vermissen ihn. Sein Tod hat eine große Lücke in unsere Redaktion gerissen. Ich vermisse ihn ganz besonders als liebenswerten Mitspieler beim Montagsspielen.

Am 21.10.2016, nur vier Tage nach seinem 61. Geburtstag hat uns Herbert Heller nach langer Krankheit viel zu früh verlassen. Wir trauern mit seiner Familie um unseren guten Freund.

Unser alter Mitstreiter Udo Bartsch hat auf seinem Blog ebenfalls einen Nachruf verfasst.