Donnerstag, 28. Juni 2007

Experimentelle PR

Eine Bildunterschrift im Messebericht von Heft 62 (Januar 2003):
Vermutlich ein Spiel. Von Goliath. Warum wir nicht mehr darüber schreiben können... siehe unter Goliath.

"Komm mal ruhig mit", hatte man mir angeboten: Zwei gestandene Redakteure machten sich auf ihren Rundgang durch die Hallen und wollten mir mal zeigen, wie man das so macht mit dem Recherchieren.
Okay, wer würde nicht gern Messe-Profis über die Schulter gucken, ein bisschen dazulernen und nette Verlags-Kontakte knüpfen? Ich ging also mit und bin heute noch froh, dass ich bei diesem Lehrstück experimenteller PR dabei sein durfte. Und dass ich nur beschimpft und nicht etwa auch noch verprügelt wurde:

GOLIATH
"Wissen Sie eigentlich, wie viele Ihrer Sorte schon bei uns waren?" Während ich noch kalkuliere, wie viele meiner Sorte es wohl in der Spieleszene gibt, geht die Litanei schon weiter. Jetzt ist mein Presseausweis dran: "So einen habe ich auch zu Hause! So einen kann jeder haben! Haben Sie keinen ECHTEN? Hier brauchen Sie einen ECHTEN!!" Dabei hatte ich bislang nur nach Informationen zum neuen Spiel gefragt. Das blonde Sprachwunder redete sich so langsam warm. Ab und an wurde mal eingeschoben "Ich will Ihnen ja nichts persönlich", und weiter ging´s.

Es folgt Teil 18: Sex sells

Dienstag, 26. Juni 2007

Wirtschaftsjournalisten entdecken das Spiel des Jahres


ZOOLORETTO ist es. Auch ohne Eisbär auf dem Cover hat es geklappt – das Michael-Schacht-Spiel wird das meistverkaufte dieses Jahrgangs sein. Ist das Spiel des Jahres folglich ein Wirtschaftspreis? Der Blick in die heutigen Tageszeitungen scheint diese These zu bestätigen. Sowohl beim Lesen des Tagesspiegels (Bretter, die das Geld bedeuten) als auch der Frankfurter Rundschau (Zooloretto wird Spiel des Jahres) finde ich einen längeren Bericht über ZOOLORETTO – im Wirtschaftsteil. Auf die Idee, dass dieses Thema in die Rubrik „Buntes“ gehört, scheinen weder die Redakteure in Berlin noch die in Frankfurt gekommen zu sein. Vom Feuilleton mag ich gar nicht träumen …

Sonntag, 24. Juni 2007

Wir sind verfeindet

Die Massen strömten ... schnell daran vorbei. So geschah es während der SPIEL 02 besonders am Wochenende. Wer ist Alex Randolph!? Interessieren seine Spiele? Drängenderes stand den Menschen auf der Stirn geschrieben: Wo gibt´s die billigsten Spiele, wo ist der nächste freie Tisch, und wer erklärt das Spiel? (...) Für wen war dann die Ausstellung? Macht es überhaupt Sinn, Alex Randolphs Spiele nur zu zeigen? Was bewirkt schon die laue Ansicht eines seiner vielschichtigen und nicht immer nur einfachen Spiele? Die reiche Welt der Randolphschen Spiele erfährt man doch sowieso nicht beim Anschauen. Es hätte in der Ausstellung gespielt werden müssen, und zwar exzessiv und nicht nur so verhalten und mit angezogener Handbremse ein paar Partien TWIXT.

Diese, wie ich finde, keineswegs anstößige Kritik von Wolfgang Friebe am Konzept der Ausstellung zum 80. Geburtstag von Alex Randolph auf der Messe in Essen (Heft 62, Januar 2003), hat einige der Verantwortlichen offenbar zutiefst beleidigt. Und den Ärger dafür bekam... ich!

Irgendwann später auf dem Spieleautorentreffen in Göttingen stand nämlich einer der Autoren hinter seinem Tisch auf, zeigte drohend mit dem Finger auf mich und rief zornig quer durchs Foyer: "Heh, du! - Ja, du da! Wir beide sind miteinander verfeindet. Weißt du das?"

Nee, das wusste ich noch nicht. Ich wusste auch keinen Anlass, denn ich hatte nie ein Spiel dieses mit mir verfeindeten Herrn rezensiert oder gar verrissen. Es stellte sich heraus, dass man mich, den netten Jungen von nebenan, für Wolfgang Friebe gehalten hatte...
(Diese Anekdote wollte ich mir eigentlich bis zu dem Tag aufheben, an dem ich mal ein Spiel dieses Autoren bespreche, aber anscheinend kommt es nie dazu. - Tja, schade!)

Es folgt Teil 17: Experimentelle PR

Donnerstag, 21. Juni 2007

"Da waren´s nur noch acht"

Wo las man eine vertiefte Aufarbeitung der spektakulären Jury-Austritte? In der FAIRPLAY natürlich! Herbert Heller lenkte in Heft 55 (April 2001) den Blick auf ein einen wunden Punkt, der in der ohnehin schnell wieder abgeflauten öffentlichen Debatte zu kurz gekommen war:

Zu der notwendigen Testspielflut hätte ich weder Spaß noch die Zeit. Den Meinungsäußerungen der letzten Wochen ist zu entnehmen, dass es einigen Juroren nach den vielen Jahren im Amt ähnlich geht. Da reisen die Herren dann halt unvorbereitet zu den Klausuren. Da kann man ja einfach auf die Kollegen hören oder eventuell noch mal einen Blick auf die Kandidaten werfen. Die fehlende Kompetenz einiger Juroren hat bei den aktuellen Entwicklungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Persönlich halte ich den mangelnden Sachverstand für weit gravierender als eine strittige Überweisung an das Archiv.

In Heft 61 (Oktober 2002) - VILLA PALETTI war gerade "Spiel des Jahres" geworden und hatte sich dabei unter anderem gegen PUERTO RICO durchgesetzt - entwarf er sein Gegenbild für den "Spiel des Jahres"-Preis:

Der massenhafte Verkauf eines Spiels durch die großen Verkaufsketten ist doch keine Förderung, sondern eine Behinderung der Spielidee. Das unkomplizierte Heraushauen eines Spiels macht nicht nur informierte Verkäufer in diesen Ketten überflüssig, auch die Besitzer kleinerer Läden, die viel eher noch Spielbegeisterung weitergeben könnten, dürfen bei diesem großen Geschäft nur zuschauen. Der Preis muss also nicht noch unkomplizierter werden, ganz im Gegenteil: Der Preis muss so angelegt werden, dass Erklärungsbedarf besteht. Das würde fachlich geschulten Verkäufern die Möglichkeit geben, mit diesem Preis zu arbeiten.

Es mag hier mehrere Möglichkeiten geben, persönlich würde ich eine Aufteilung des Hauptpreises empfehlen. Von der Qualität des Jahrgangs müsste abhängig sein, für welche Sparten die Jury ein "Spiel des Jahres" auslobt. Ich einem Jahr könnten dann z. B. drei Spiele gleichberechtigt nebeneinander stehen (meinetwegen für Familien, für Kinder, für zwei Spieler), im nächsten Jahr, je nach Angebot, auch mal mehr oder weniger. Nicht nur die Zahl der prämierten Spiele, auch die Sparten würde ich flexibel offen gestalten. Dies würde die Verlage motivieren, in allen Bereichen nach spielerischer Qualität zu suchen.

Es folgt Teil 16: Wir sind verfeindet

Sonntag, 17. Juni 2007

Messe-Scouts

Die erste Scout-Aktion. Eine kleine Idee mit großer Wirkung. Wenn man die in Heft 50 (Januar 2000) veröffentlichten Beteiligungszahlen mit heute vergleicht, ist das geradezu niedlich: Am aussagekräftigsten ist wohl die Liste der Spiele mit sechs oder mehr Nennungen. Die Noten für diese Spiele können durchaus als fundiert gelten.

Das Spiel mit den meisten Nennungen war 1999 ZOFF IM ZOO mit 28 Bewertungen und einer Durchschnittsnote von 1,89. Das bestbewertete Spiel war VINO mit 1,65 bei 20 Nennungen.

Heft 54 bietet dann ein dokumentarisches Foto von der Scout-Aktion 2000: Die Pappstreifen mit den Zwischenergebnissen hängen wirr irgendwo an der Wand des Messestandes und die Menschheit schlendert achtlos vorüber.
Diesmal hatten übrigens CARCASSONNE und CARTAGENA die meisten Nennungen (je 41) und bestes Spiel war CARCASSONNE mit einer Durchschnittsnote von 1,9.

Inzwischen hat sich die Scout-Aktion unter Essener Messebesuchern und insbesondere bei den Verlagen mächtig herumgesprochen. Zwar hängen die Zwischenergebnisse noch fast genau so wirr an der Wand wie ehedem, doch jetzt bilden sich davor Menschentrauben...

Das ist ein schönes Gefühl. Und es könnte sogar noch schöner sein. Nämlich wenn wir einen Dreh fänden, um all diesen Schaulustigen ein nettes, kleines FAIRPLAY-Abo unterzujubeln. Hilfreiche Vorschläge nehmen wir gerne entgegen.

Es folgt Teil 15: "Da waren´s nur noch acht"

Mittwoch, 13. Juni 2007

Krieg und Unfrieden

Mittlerweile gehörte ich auch zur Crew. In Heft 43 (April 1998) erschien mein erster Text. Notiz von meiner Anwesenheit hat wohl kaum jemand genommen, mal abgesehen von dem einem Leser, der sich erkundigt haben soll, wer denn hinter dem Pseudonym "Udo Bartsch" stecke.

Nach meiner Rezension von KRIEG UND FRIEDEN in Heft 49 (Oktober 1999) war es dann aber vorbei mit der Unauffälligkeit. Der Autor des Spiels suchte in Essen schnurstracks den FAIRPLAY-Stand auf, um sich über mein negatives Urteil zu beschweren. Er schätzte das Spiel offenbar ganz anders ein als ich... Oh, oh, der erste Gegenwind in meiner jungen Karriere!

Ja, das machte mir damals durchaus zu schaffen. Ich war bis dahin der optimistischen Meinung gewesen, dass es nur eine Wahrheit gebe. Meine natürlich. Und nun kam der Autor und vertrat eine ganz andere Version von Wahrheit. Das allein hätte an meinem Selbstbewusstsein nicht gerüttelt, aber zu meinem Leidwesen hielten auch die anderen FAIRPLAYer das Spiel für deutlich besser als ich. Ich habe damals glatt befürchtet, dass sie nun keine Artikel mehr von mir nehmen würden.

Aber da kannte ich die Dickfelligkeit der Redaktion noch nicht. Man munterte mich auf: Einen Abonnenten dürfe jeder mal vergraulen. Und der Beschwerde führende Autor - hah! - der sei ja nicht mal Abonnent!

Es folgt Teil 14: Messe-Scouts

Freitag, 8. Juni 2007

Tikal für die ganze Familie

Die FAIRPLAY hatte immer ein paar Lieblingsfeinde. Mal die Jury, mal den Merz-Verlag, mal Ravensburger. Meistens die Jury. Die Kommentare zum "Spiel des Jahres"-Entscheid seinerzeit waren gespickt mit Polemik. Zum Beispiel dieser aus Heft 48 (Juli 1999):

Warum ist RA nicht auf der Liste? Von einzelnen Juroren konnte schon vorab gelesen werden, dass RA zu stark konstruiert und dass Ägypten irgendwie anders ist. Aber darf ich von Experten nicht erwarten, dass sie das mögliche Potenzial eines Spiels trotz dieser Vorbehalte erkennen und entsprechend testen? Oder reichte die Zeit nicht? Wenn ich nicht aus eigener Erfahrung wüsste, dass wirklich Fachleute in der Jury sitzen, dann würde ich "inkompetent" für die einzig passende Umschreibung dieser Entscheidung halten. Vielleicht sollten die Herren auch mal ihre gruppendynamischen Prozesse überprüfen.

Und schließlich pfeifen schon die Spatzen von den Dächern, dass die Jury wild entschlossen ist, in diesem Jahr TIKAL den Hauptpreis zu verpassen. (...) TIKAL ist nun wirklich ein gutes Spiel. Aber ich finde es schon beachtlich, wie unsere peniblen Konstruktions- und Ägyptenexperten bei diesem Wunschkandidaten konsequent übersehen, dass zwischen den eigenen Zügen elend lange Wartezeiten abzusitzen sind, die ich einer "normalen" Spielerunde nicht unbedingt zumuten möchte.

Irgendwie ist TIKAL aber doch der ideale Kandidat für die Spielfamilie: Mutter putzt den Salat für das Abendbrot, Vater programmiert den Videorecorder und überfliegt noch mal die Sportseiten und die Tochter klärt per Handy die Kleiderordnung für den anstehenden Discobesuch. Währenddessen überlegt Söhnchen sorgfältig, wie er seine zehn Aktionspunkte nun einsetzt. Endlich ein Familienspiel, bei dem die anfallenden Familienarbeiten nicht liegen bleiben.

Es folgt Teil 13: Krieg und Unfrieden

Montag, 4. Juni 2007

Neulich im Spieleverlag

Wenn man wiederholt Spiele testen muss, die alle irgendwie nicht so richtig gut sind, fragt man sich schon manchmal, was bei den Verlagen eigentlich abläuft. Und die Phantasie geht mit einem durch und man reimt sich völlig unrealistische Geschichten zusammen. Wie der "Märchen-män" in Heft 31 (April 1995):

W: So, Klaus, der Chef hat gesprochen! Wir brauchen was Neues, eine Reihe zwischen unseren Karten- und den großen Brettspielen.
K: So etwas wie die Mitbringspiele, mit denen die Konkurrenz so gute Erfolge erzielt?
W: Genau. Was machen wir? Ich hatte an was Konservatives gedacht, Zwei-Personen-Spiele, Taktik, bewährte Kost eben. Aber das alles sollte irgendwie im Zusammenhang stehen!
K: Gute Idee! Sex, Crime, Gewalt, neue Mafiaspiele?
W: Nein, nein, zu laut, zu brutal, außerdem schon abgenudelt!
K: Monster, skurrile Typen o. ä.
W: Nicht schlecht, nicht schlecht, aber denk mal an Magic Cards oder Dark Force. Aber die Schiene ist gut!
K: Ich hab´s: Ureinwohner, Eingeborene, Indianer, mystische Riten und Gebräuche. Das kommt bestimmt gut an!
W: Okay, die Sache steht. Ruf die Grafiker an. Bunte kleine Schachteln, indianische Muster, ein bisschen Ethno und so weiter, die wissen schon!
K: Aber Wolfgang! Die Spiele, wo sind die Spiele?
W: Oh, Sch...! Was machen wir denn da? (...)

Es folgt Teil 12: Tikal für die ganze Familie