Mittwoch, 11. Juli 2018

Editorial 124

Liebe Leserinnen und Leser,

die Fairplay ist nach 30 Jahren immer noch für Veränderungen offen und für Überraschungen gut. Deswegen darf ich heute ran. Ich bin die relativ Neue im Stall von Old Harry und seinen Knechten. Ja, Sie haben richtig gelesen, DIE NeuE. Tatsächlich ein weibliches Wesen aus Fleisch und Blut, das viel spielt, das die Hufe gerne an Eurogames legt, sich sogar abends im Heu mit Spielregeln beschäftigt und heute an Sie wendet. Einerseits weil der gute Harry mal eine Pause braucht, andererseits weil ich seit Kurzem die selbsternannte AfG im Stall bin, die Ansprechpartnerin für Gleichstellungsfragen. Warf ich doch kürzlich wieder die alte Frage auf, warum das weibliche Geschlecht im Vielspielerbereich derart unterrepräsentiert, bzw. das männliche so übermächtig vertreten ist.

Dabei hatte ich gar keine Antwort erwartet, ehrlich gesagt auch nicht für möglich gehalten. Aber es gibt sie, und sie ist im Grunde total simpel! Geliefert von der Fairplay selber, ganz zufällig, völlig überraschend. Sehen Sie sich das Cover der 123. Ausgabe einmal ganz genau an. Dort ist die Antwort bunt auf orange abgebildet! Nein, das sind nicht einfach nur gestreifte Ostereier mit Meeplen drauf. Decken Sie mal die untere Hälfte mit einem Blatt Papier ab. Was sehen Sie nun? Keimende Kartoffeln? Optisch naheliegend, aber falsch. Noch mal hinschauen, tadaaaa, vor Ihren Augen entfaltet sich … das „Neeplecover“. Sie wissen, was ich meine, gell? Und bei dem Anblick ist mir schlagartig klar geworden: In den Köpfen der Männer werden Meeple unbewusst für weibliche Neeple gehalten! Und weil Mann damit vielleicht nicht so oft spielen darf, wie Mann gerne würde, greift er ersatzweise zu den Spielfiguren. Frauen haben dieses Bedürfnis weniger, ergo findet man sie auch weniger am Spieltisch. Dass ich da nicht schon früher drauf gekommen bin. Ist das jetzt die umfassende Antwort, die alles erklärt oder ist es nur eine Antwort unter vielen? Oder ist es in Ihren Augen gar keine? Zu Freuds Zeiten wäre es sicherlich eine gewesen.

Spaß beiseite, Meeple sind natürlich keine Neeple und Spielen keine Ersatzbefriedigung. In meiner Funktion als AfG kann ich diese billige Schlussfolgerung auf keinen Fall zulassen. Sexistische, monokausale Erklärungen gehen gar nicht. Also wieder zurück zum Anfang: Wo bleiben die (Viel)Spielerinnen? Auch wir sind nur zu zweit im Fairplaystall. Das 9:1 Verhältnis der Spiel-des-Jahres-Jury finde ich erschreckend für ein Traditionsunternehmen von nationaler und sogar internationaler Bedeutung. Da sträubt sich mir das Nackenfell. Liebe Jurymänner, ich fordere euch deshalb inständig auf: Holt mehr Frauen in euer rotes und graues Team. Ihr müsstet euch vielleicht etwas anstrengen, sie zu finden. Es ist aber ganz gewiss die Mühe wert, schließlich kürt der rote Pöppel das Familienspiel, ich betone, FAMILIENspiel – und ohne Frauen keine Familien, das weiß doch jeder. Mit AZUL ist in diesem Jahr wenigstens ein Titel im Rennen, der nachweislich vielen Damen gefällt, die ansonsten mit Brettspielen wenig am Hut haben. THE MIND und LUXOR bedienen da eher die andere Seite der Familie. Die aktuellen Kennerspiel-Nominierungen sind thematisch gesehen völlig auf den männlichen Geschmack zugeschnitten: Bier brauen, quacksalben und cleverkniffeln. Nichts, was Kaumspieler-Frauen anspricht oder zumindest neugierig auf die Kennerspiele machen würde. Dieser Liste hätte in meinen Augen ein RAJAS OF THE GANGES gut zu Gesicht gestanden. Darin geht’s zwar um den Aufstieg zum Herrscher, doch dem Spiel würde ich zutrauen, durch seine farbenfrohe Gestaltung und sein heiteres Spielgefühl Frauen für komplexere Titel zu begeistern. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Leider ist RAJAS nicht einmal auf der Empfehlungsliste gelandet. Es drängt sich die Frage auf, ob die Jurymänner zu sehr ihrem eigenen männlichen Geschmack unterliegen? Oder ist ähnlicher Geschmack Einstellungskriterium für alle Juroren? Unterstellen will ich nichts, lediglich ein Steinchen ins Wasser werfen. Das bin ich mir und meiner Funktion ab und an schuldig.

Liebe Leserinnen und Leser, vielleicht haben Sie ja mal Lust, uns einen Leserbrief mit Ihrer Sicht der Gender-Dinge zu schicken? Ich würde mich sehr freuen und der Harry erlaubt bestimmt, ihn abzudrucken. Oder Harry? Bis dahin spielen Sie schön.

Ihre Mafalda

Freitag, 6. Juli 2018

Fairplay 124 - Juli bis September 2018

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  • Noten

Donnerstag, 29. März 2018

Editorial 123

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich mir die Essener und Nürnberger Messe so anschaue, weiß ich eigentlich, wohin ich gehöre. Dahin, wo unsere Leserinnen und Leser sind, da wo Sie auf uns treffen. Dahin, wo fertigen Spiele gespielt werden können. Wo einem die Spiele schön, aber längst nicht immer perfekt erklärt werden. In Essen ist immer viel Betrieb, auch wenn die Lautstärke spätestens ab Samstag doch nervt. In Nürnberg sieht es ganz anders aus. Da herrscht angenehme Stille, eine gedämpfte Atmosphäre, dort trägt jeder ein persönliches wichtiges Schildchen um den Hals. Ich erinnere mich noch, als ich mit dem überaus seltenen roten Presseschild durch die Hallen getrabt bin. Gott, was war ich wichtig.

So wichtig, dass es mich kaum gestört hat, dass viele der Spiele längst noch nicht fertig waren. Immerhin, ich durfte mir Handmuster anschauen, bekam exklusive Vorabinfos. Und nur ganz selten wurde wirklich gespielt. Wenn dann bei Hans im Glück. Das, was bei Nürnberg zieht, ist das doch sehr intime Zusammensein von Verlagen und Fachpublikum. So erlebten es meine Knechte in all den Jahren zuvor, nur dieses Jahr eben nicht. Keiner aus der Redaktion konnte oder wollte hinfahren, deshalb stehen wir umso tiefer in der Schuld von Peter Neugebauer, der für diese Ausgabe seinen persönlichen Messebericht beisteuert. Peter, du darfst mal aus meinem Napf fressen.

Ob wir auch nächstes Jahr die Nürnberger Spielwarenmesse schlabbern? Ich glaube, ich muss meinen Knechten mal gehörig ... Oh, ich höre schon deren Gemaule. Nürnberg, was passiert denn noch in Nürnberg?! Die Spielewelt tobt längst in Essen, auch international ist die Hölle los. Und was ist mit Duisburg? Wer fährt von Ihnen nach Duisburg? Also ich nicht, und ich glaube auch keiner meiner Knechte. Der eine, der dort um die Ecke wohnt, ist sowieso schon für die zeitgleiche Veranstaltung in Ratingen gebucht. Da haben wir einen kleinen Stand: Kommen Sie vorbei. Der Duisburgtermin liegt ziemlich blöd am Anfang der NRW-Osterferien. Ich bin da schon auf Urlaub, und mit mir ein paar Neuheiten aus Nürnberg, die bis dahin schon lieferbar sind.

Und überhaupt, sind reine Fachmessen überhaupt noch sinnvoll? Gut, in Nürnberg wird die ganze Bandbreite von Spielwaren gezeigt, der Fachhandel wird dort bedient. Aber wie viel Fachhandel gibt’s denn noch? Ich will das gar nicht groß thematisieren, aber wie viele unabhängige Spielwarengeschäfte kennen Sie, die das Komplettangebot anbieten. Und wenn selbst Riesen wie ToysRUs straucheln, dann weiß ich doch, wo der lokale Fachhandel steht. Mit dem Rücken an der Wand. Die einzigen, die das nicht kratzen muss, sind die kleineren Verlage. Die nutzen die Messe in Essen, präsentieren und verkaufen dort ihre Neuheiten direkt an den Endkunden, können beinahe ganz den Zwischenhandel umgehen.

Oder brummt der Spieleverkauf nur noch auf Kickstarter? Was da alles angeboten und bezahlt wird?! Ich bin schwer beeindruckt, aber auch abgeschreckt. So richtig kann ich das nicht nachvollziehen, denn was mir geboten wird, ist erstmal nur die Katze im Sack. Ich kenne ja noch den Pferdemarkt, damals standen auch irgendwelche Händler mit der famosesten Zitronenpresse aller Zeiten an den Ecken. Die konnten reden, die konnten die Kunden reihenweise belatschern. Machen die heute alle auf Kickstarter?

Trotzdem, Kickstarter boomt. Ist denn der Mark so groß, dass sehr spezielle Spiele von enthusiastischen Verlegern immer Abnehmer finden? Der Handel wird faktisch übergangen. Ich frage mich sowieso, wann der Handel komplett ausgebootet wird. Ein paar Verlage sind so stark in der Szene verankert. Die haben ihre Fans, die brauchen eigentlich keinen Zwischenhandel mehr, vielleicht noch Amazon als Dienstleister für den Versand. Apropos Amazon: Mir ist aufgefallen, dass der Nürnberger Spielkarten Verlag seine Neuheiten anscheinend erst nur über Amazon vertreibt. Weder in meinem örtlichen Spielwarengeschäft noch beim Spielespezialgeschäft waren die zu bekommen. Was ist nun der richtige Weg? In Boomzeiten ist das herzlich egal, aber was wird sich langfristig bewähren? Ich weiß es nicht. Aus Erfahrung weiß ich sicher: Helden kommen, Helden gehen.

Viel Spaß beim Spielen und Frohe Ostern

Ihr Harry

Mittwoch, 21. März 2018

Fairplay 123 - April bis Juni 2018

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