Montag, 15. Juli 2019

Editorial 128

Liebe Leserinnen und Leser,

auf wie vielen Wellen haben Sie schon gesurft? Also jetzt nicht mit Surf- oder Bodyboard, das kann eh' nicht jeder. Ich steh' auf dem Surfbrett auch verdammt unsicher. Ist einfach zu schmal für meine vier Hufe. Aber ich habe fast jede Spielewelle abgesurft. Und das waren schon eine Menge, einige habe ich allerdings gekonnt ausgelassen. Damals zum Beispiel, als sich alle an Wittigschen Kunstwerken aus der Edition Perlhuhn labten. Da stand für uns bereits fest: Spiele in der Rolle spielen keine Rolle.

Ich weiß gar nicht, ob wir jemals ganz vorne auf der Welle gesurft sind. Vielleicht mal mit Richard Breese und der Key-Serie. Und mit Martin Wallace und seinem Warfrog-Verlag. Die haben wir ganz
schön abgefeiert. Oder auch Reiner Knizia. Von ihm hatten wir sogar mal ein Spiel im Heft. So eine Art Broschüre mit Wahlkampfthema mit neuen Bundesländern. Aber sonst?!

Meine Fairplay erscheint doch nur vier Mal im Jahr, da könnte ich heute kaum noch auf einer Welle surfen, so schnell wie die wieder abflachen. Ich nenn' diese Wellen jetzt einfach mal Hype-Wellen, von denen manche erstaunlicherweise ebenso schnell über uns hereinbrechen wie sie wieder abebben. Und um eben diese Wellen zu befeuern, könnten wir in unserem Stall fast nichts mehr beitragen. Wollen wir das überhaupt?! Und wenn wir mal bei einem Hype-Verlag nachfragen, gibt’s auch auf Nachfrage keine Antwort mehr. Wenn die Welle durch ist, hat so manches Kapitalkonstrukt längst schon wieder die nächste losgetreten. Das geht heute ja schnell. So schnell, dass selbst die Jury zu spät auf Wellen surft. Die Jury will vielleicht auf keiner Welle reiten.

Ist jetzt bereits die Luft raus, aus dem ganzen Wellenreiten? Selbst die Legacy-Welle törnt mich überhaupt nicht mehr an. An diese Spiele sind so viele Bedingungen gebunden, die ich mit meinen Knechten längst nicht alle erfüllen kann. Gibt's noch was Neues von dieser Welle oder ist die auch schon abgeflacht? Wenn ich so vom Strand aus zuschaue, dann sehe ich da immer noch einige Wellenreiter. Sollen sie doch … ich kann gut auf die zweite Welle warten, denn erst wenn ein/e Spiel/Mechanik/Verlag/AutorIn dauerhaft Wellen schlägt, ist das ein sicheres Zeichen für Qualität. EXIT surft gar nicht so erstaunlich immer noch ganz vorne auf der Welle mit.

Ich surfe noch ein Weilchen auf meiner aktuelle Lieblingswelle der Roll-and-Write-Spiele. Aber läuft die wirklich noch? Zu höheren Weihen hätte es einst QWIXX bringen können, hätte, hätte, Fahrradkette. Die Welle hat die Jury leider nicht gesurft. Mittlerweise surfen so viele gute wie schlechte Abstreichspiele auf der Welle. Und mancher Autor hat ihr sogar eine neue Richtung  gegeben, Innovationen hinzugefügt.

Eine Welle, die noch gar nicht so richtig in Schwung gekommen ist, sind die app-unterstützten Spiele. Davon gab's schon ein paar richtige Rohrkrepierer, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es so langsam was werden könnte. Da müssen nur die richtigen Leute zusammen kommen, die sich die Möglichkeiten der neuen Techniken fürs Brettspielen erschließen. Das sollte dann schon ein bisschen mehr sein als ein Timer für ein Spiel.

Richtig Spaß hätte ich übrigens mit Augmented Reality. Das scheint vielleicht das richtige Instrument, um es ins Gesellschaftsspiel zu integrieren. Na, auf jeden Fall hat der Autor meines Lieblings-Roll-and-Write Spiels versucht, auf dieser Welle mitzuschwimmen. Aber statt da wirklich was rauszuhauen, war es nur ein Youtube-Filmchen. Den Clip kann ich mir viel besser auf dem Smartphone oder Tablet anschauen. Da sehe ich sogar in meinem Stall mehr Möglichkeiten, und das, obwohl bei uns noch vieles handgeklöppelt wird. Gab's handgemachte Augmented Reality nicht sogar von Noris? So etwas wie eine VRBrille aus Pappe, in die man sein Smartphone einschieben
konnte? Doch, die gab's als ESCAPE ROOM: DAS SPIEL – VIRTUAL REALITY. So richtig
ist daraus aber auch nix geworden.

Vielleicht ist das Geheimrezept sogar ganz alt: Schuster, bleib' bei deinen Leisten. Oder für alle Wellenreiter interpretiert: Spätestens nach fünf Jahren ist jede Welle tot, da muss dann wieder was Neues kommen. Nur hier nicht, da bleibt alles, wie es jeder gute Schuster schon handhabte. Wir werden hier allerdings nicht alles über einen Leisten schlagen.

Viel Spaß mit dem neuen Heft.
Ihr Harry

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen